Notfallseelsorger

Notfallseelsorger spenden Trost und geben Halt, wenn die Welt in Stücke bricht.

Für die Menschen, zu denen sie gerufen werden, ist gerade die Welt in Stücke gebrochen. Notfallseelsorger müssen einem Elternpaar mitteilen, dass ihr Kind bei einem Verkehrsunfall gestorben ist. Oder eine Frau erfährt von ihnen, dass sich ihr Ehemann selbst getötet hat.

Notfallseelsorger überbringen erschütternde Nachrichten. Doch sie sind es auch, die Halt geben, wenn die Hinterbliebenen ihre schlimmsten Stunden durchleben. Franz-Josef Neyer, Pfarrer im Ruhestand aus Oelde, ist seit acht Jahren Notfallseelsorger. Wenn er zu einem Einsatz fährt, hat er noch immer ein mulmiges Gefühl – und starkes Herzklopfen an der Türklingel. „Die Leute ahnen bereits das Schlimmste, wenn wir mit der Polizei vor der Tür stehen“, erklärt der 73-Jährige. „Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Manche Menschen schreien laut, andere laufen durch die Wohnung und zertrümmern die Einrichtung“, sagt Franz-Josef Neyer. „Es kann auch sein, dass jemand in Ohnmacht fällt.“

Diese Situationen können auch für die Seelsorger kritisch werden. Friedrich Vogelpohl aus Beckum, ebenfalls Pfarrer im Ruhestand und Leitender Notfallseelsorger im Kreis Warendorf, ist bereits bei Einsätzen angegriffen worden. „Einmal wollte mir ein Angehöriger mit einem Messer in den Bauch stechen“, sagt er. „Ein Polizist konnte die Waffe gerade noch von meinem Körper ablenken.“ Ein solches Verhalten könne er den Menschen aber nicht verübeln. „Diese Überreaktionen sind verständlich. So ein Schicksalsschlag ist eine Ausnahmesituation, die jeder anders durchlebt“, sagt Friedrich Vogelpohl. Der 63-Jährige ist bereits seit 33 Jahren Seelsorger bei der Polizei und bei der Feuerwehr. Somit weiß er auch: Jeder Fall ist einzigartig. „Wenn ich zu einem Einsatz fahre, überlege ich zwar auf dem Weg dahin, was mich erwarten könnte“, pflichtet ihm Franz-Josef Neyer bei. „Aber das lässt sich nie vorhersagen.“

Worte finden für das Unbeschreibliche: Wenn ein Mensch um einen Verwandten, Freund oder Kollegen trauert, müssen die Seelsorger genau darauf achten, was sie sagen und wie sie sich verhalten. „Grüße wie ‚Guten Morgen‘ oder Floskeln wie ‚Herzliches Beileid‘ sollten uns bei einem Einsatz nicht über die Lippen kommen“, betont Friedrich Vogelpohl. „Die Menschen sind in solchen Situationen äußerst sensibel. Zu meiner Anfangszeit habe ich höflich zu einer Frau ‚Auf Wiedersehen‘ gesagt. Da schrie sie mich an, sie wolle mich nicht wiedersehen.“ Erst in diesem Moment habe er gemerkt, was er gesagt habe. „Später habe ich mir angewöhnt, möglichst wenig zu sprechen.“


Einfach da sein – auch ohne Worte
Trost spenden, wo dies unmöglich zu sein scheint: Bei vielen Einsätzen stoßen die Notfallseelsorger an ihre Grenzen. „Besonders, wenn Kinder in der Familie sind, ist mir sehr flau im Magen“, sagt der Oelder Pfarrer Franz-Josef Neyer. „Wenn ich zu einem Einsatz gerufen werde, erfahre ich selbst zunächst nur wenig darüber, was passiert ist“, betont er. „Deshalb können wir den Menschen oft nicht viel darüber sagen. Wir können nur für sie da sein.“ Manchmal sei es das Einzige, das sie tun könnten – aber auch das Wichtigste. „Die Hinterbliebenen wissen oft nicht, wo ihnen der Kopf steht. Wir schauen, was sie brauchen oder wen wir für sie anrufen können. Wir spenden Trost durch unsere Nähe.“

In vielen Situationen gebe es oft gar nichts, was die Seelsorger sagen könnten. „Wenn mein Gegenüber schweigt, schweigen wir gemeinsam“, sagt Friedrich Vogelpohl. „Es kann viel Zeit vergehen, bis der Hinterbliebene sprechen will. Aber das müssen wir aushalten.“

Die Seelsorger sind auch für Polizisten und Feuerwehrleute da und helfen ihnen, die oft sehr belastenden Eindrücke der Einsätze zu verarbeiten. „Wir selbst sprechen mit unserer Familie und unseren Freunden über das, was uns auf der Seele lastet“, sagt Franz-Josef Neyer. „Und wir treffen uns einmal im Monat mit den anderen Seelsorgern. Aber wir haben auch Freunde, die wir mitten in der Nacht anrufen können. Wenn wir nicht wüssten, dass wir selbst getragen werden, könnten wir es nicht machen.“