Impuls für den Alltag

Impuls 14.04.2019 - Pfr. Michael Ehlert

Palmsonntag

"Du Palmesel"

In unserem Sprachgebrauch werden dem Esel viele unsympathische Eigenschaften angehängt:
er sei störrisch, dumm und Ähnliches.
Der Ausdruck "Du bist der Palmesel", mit dem im süddeutschen Raum der Spätaufsteher am Palmsonntagmorgen begrüßt wird, ist auch nicht gerade ein Kompliment.

„Du dummer Esel!“ – so bezeichnen wir oft einen anderen Menschen, wenn er etwas nicht kapiert hat.
Doch lassen wir dieses kluge, demütige und geduldige Tier einmal selbst zu Wort kommen:

„In der Frühzeit der Bibel war ich unterwegs und trug den fremden Seher Bileam, der das Volk Gottes verfluchen sollte. Doch auf dem Weg sah ich den Engel Gottes, der ihm den Weg versperrte. Als ich deshalb nicht weiterging, wurde ich dreimal geschlagen (er meinte wohl, ich sei störrisch) – Undank ist der Welten Lohn… – doch schließlich erkannte auch der Seher Bileam, dass Gott ihm sagen wollte, dass er das Volk Gottes segnen und nicht verfluchen sollte. (vgl. Num 22,21ff)

Doch ich will ja von etwas ganz anderem erzählen:
nicht nur Abraham und andere menschliche Größen durfte ich tragen,
sondern sogar den „König der Könige“ – auf dem Weg von Nazaret nach Betlehem, als Maria ihn unter ihrem Herzen trug.
Auch bei seiner Geburt durfte ich – zusammen mit dem Ochsen – dabei sein,
denn anders als viele dummen und störrischen Menschen hat der Prophet Jesaja unsere Einsicht richtig erkannt:

„Der Ochse kennt seinen Besitzer
und der Esel die Krippe seines Herrn.“ (Jes 1,3)

Und wie hätte die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und später zurück nach Nazaret gelingen können – ohne meinen demütigen Dienst.

Den „König des Friedens“ habe ich tragen dürfen bei seiner feierlichen Prozession zum Heiligtum in Jerusalem – kurz vor dem Pas-chafest, das in besonderer Weise in die Geschichte der Menschheit einging.
Mit Kleidern geschmückt, zog Jesus auf meinem Rücken thronend in Jerusalem ein,
genau so, wie es der Prophet Sacharja Jahrhunderte zuvor geweissagt hat:

„Juble laut, Tochter Zion!
Jauchze, Tochter Jerusalem!
Siehe, dein König kommt zu dir.
Er ist gerecht und hilft;
er ist demütig
und reitet auf einem Esel,
auf einem Fohlen,
dem Jungen einer Eselin.“ (Sach 9,9)

So bin ich Esel zu einem „Christo-phorus“ d.h. zum Christus-Träger geworden.
Bist auch du – wie ich, der Esel - ein Christusträger, trägst auch du Christus zu den Menschen?“

In diesem Sinn wäre dann die Bezeichnung „du Palmesel“ eine schöne Auszeichnung.

Pastor G. M. Ehlert