Kreuzweg

Pilatus hat kurzen Prozess gemacht, das Todesurteil ist gesprochen.Drohend hängt der schwere Stein über Jesus. Jetzt steht er wehrlos da; er, der gesagt hat: „Mir ist alle Macht gegeben.“ Seine Hände sind gebunden, er kann nichts tun. Das Urteil hängt über ihm.

Auch Pilatus wird mit diesem Urteil nicht fertig, dem krassen Fehlurteil. Er kommt von diesem Jesus nicht los, der ihn gleichsam niederdrückt. Er versucht freizukommen, er wäscht seine Hände in Unschuld.

Vielleicht wurden in der Geschichte der Menschen niemals so viele Fehlurteile gesprochen wie heute.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die die Wahrheit bezeugen und die Liebe leben.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die Amt, Stellung und Macht haben und sie oft missbrauchen und dabei ihre Hände in Unschuld waschen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten, dass Recht, Wahrheit und Liebe nicht verurteilt, sondern gelebt werden.
Herr, erbarme dich!

Das Kreuz ist groß und schwer, es überragt Jesus. Unmenschlich groß - fast zu schwer. Die Hände sind frei - aber er greift nicht zu. Das Urteil kommt über ihn. Er versucht, mit dem Kreuz zu gehen; zaghaft setzt er den ersten Schritt. Noch sucht sein Blick, ob nicht einer da ist, der ihm hilft. Er bleibt allein mit seiner Last.

Unmenschlich ist oft die Last, die Menschen tragen müssen. Zu groß oft die Ratlosigkeit, die Bitterkeit und die Enttäuschung, das zerbrochene Leben, die Einsamkeit - und da ist niemand, der mitgeht.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die ihr Kreuz tapfer in Freiheit und Liebe tragen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für die, die vorgeführt und verurteilt werden, hinausgestoßen in die Last und das Leid menschlicher Einsamkeit.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für die, die ohne Hoffnung und in der Sünde sind, für die das Kreuz Erlösung bringt.
Herr, erbarme dich!

Das Kreuz zwingt Jesus in die Knie, aber er läßt nicht los; wie mit dem Kreuz verwachsen und eins geworden, steht er da. Nun ist es sein Kreuz geworden. Schwer lastet das Kreuz auf ihm. Das Kreuz, das ist die Verantwortung für uns Menschen, die er auf sich genommen hat, seit er Mensch geworden. Er ist getreu bis in den Tod.

So ist der Bruder aller, die nicht weglaufen aus ihrer Verantwortung; aus der Ehe, Familie, aus Beruf und Leben. Bruder aller, die rufen: Es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die unter der Last und dem Kreuz ihres Lebens zusammengebrochen sind.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die die Lasten anderer stillschwiegend tragen und eigene Macht in der Ohnmacht der Liebe und Geduld verhüllen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die verzagt, feige und in der Ichsucht verfangen sind und sich vor dem Weg des Kreuzes fürchten.
Herr, erbarme dich!

An der Straße, wie auf dem Bürgersteig stehend, da wartet seine Mutter. Jesus geht auf sie zu, Maria neigt sich zu ihm. Liebevoll, fast zärtlich, nimmt sie seinen Kopf in die Hände. Da verliert das Kreuz seine drohende Bedeutung - es schwindet in den Hintergrund.

So kennen wir Maria. Eine Magd - immer zugegen - wartet sie auf ein Zeichen, um helfen zu können. - Eine Mutter, die ihr Kind nie vergessen kann. "Erste Hilfe" auf dem Kreuzweg, aus Einsamkeit und Verlassenheit.

Maria hebt sein Gesicht, seinen Blick lenkt sie von der Erde zum Himmel; so richtet sie ihn auf. Maria bleibt Trost und Hoffnung aller Leidenden - bis heute.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle, die in Liebe die Kreuzträger ansehen und ihnen helfen möchten, es aber nicht vermögen
7Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die durch ihre Anwesenheit den Leidenden und Schwergeprüften erneut Hoffnung geben.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die in schweren Stunden sich zu Jesus Christus und auch zum Kreuz und zur Not anderer bekennen.
Herr, erbarme dich!

Da sie fürchten, er könne unterwegs sterben, zwangen sie Simon von Cyrene, ihm das Kreuz tragen zu helfen.

Kreuz und Leid bringt Menschen oft auseinander, vielleicht ist es auch hier so. Das Kreuz stand zwischen ihnen. Hier aber greift Simon von Cyrene schon beherzt und kräftig zu. Er trägt mit - bereitwillig - da wird das Kreuz leicht, es scheint fast zu schweben, hat alles Schwergewicht verloren.

Im Mittragen wächst tiefe Gemeinschaft; der Gleichschritt und die Zuwendung der Gesichter machen das deutlich.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die in ihren Sorgen und Leiden menschliche Hilfe brauchen und dankbar annehmen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die sich Hilfe nicht aussuchen können und trotzdem danken..
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die offenen Herzens helfen und dienen.
Herr, erbarme dich!

Eine Frau tritt aus der Masse heraus, sie bahnt sich den Weg durch die Männerwelt zu Jesus.

Von unten müht sie sich herauf und kommt in unser Bild. Sie legt ihren Arm um Jesus. - Ein Augenblick auf dem Weg ist festgehalten. Ein Augenblick Liebe - dann schnell ein Taschentuch - mehr geht nicht auf diesem Weg.

Nach 2.000 Jahren erzählen wir diese kleine Geschichte, sehen Jesus' Anlitz im Schweißtuch und denken an sein Wort: "Wer auch nur einen Becher Wasser reicht, wird nicht um seinen Lohn kommen."

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die ihre Liebe zu Jesus und den Menschen trotz Gegner zum Ausdruck bringen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die in schwierigen Situationen einen Dienst der Liebe und Treue verweigern.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die auf Gottes Großzügigkeit und Dankbarkeit zu wenig vertrauen.
Herr, erbarme dich!

Jesus fällt wieder, bricht in die Knie. Kraftlos sind die Glieder, er kommt nicht mehr hoch. Brutal schlägt ein Knecht zu. Das Kreuz tritt in den Hintergrund.

Wenn jemand immer wieder fällt - ist er rückfällig - dann wird er schnell fertiggemacht. - Niemand sieht seine vergeblichen Mühen mehr. Selbst ein Fremder darf ungestraft über ihn herfallen.

Bedrückender als das eigentliche Kreuz, als jede Schwäche und Abhängigkeit, ist oft die Bosheit von Menschen, die einen Gefallenen nicht mehr hochkommen lassen.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle, die gleichgültig und lieblos am Kreuzweg anderer stehen und ihnen nicht helfen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die Unschuldige verurteilen und ihnen ein schweres Kreuz aufladen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die in Ohnmacht und Schwäche sich nach dem Willen Gottes ausstrecken.
Herr, erbarme dich!

Sie stehen ihm im Weg, sie halten ihn auf in seiner Sendung. Er schiebt sie beiseite - die beiden weinenden Frauen, die Zuschauer. "Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder", sagt er, und wie zur Bestätigung des nahenden Unheils wölbt sich der Stein drohend über die Frauen.

Lamentierende Zuschauer helfen nicht, damals nicht - heute nicht.

Sind wir eine Zuschauergeneration geworden? In den großen Arenen unserer Tage, in den Medien, in den Zeitungen und Illustrierten begegnen wir den Geschlagenen und Geschundenen unserer Tage - und sind oft nur sensationshungrige Zuschauer.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die leiden und dabei noch Augen, Herz und Kraft für andere haben.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die sich in ihr eigenes Leid verschließen und sich erbittert über Welt und Menschen selbst in ihrem Leid beweinen
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die mit den leidenden Menschen barmherzig sind und sie trösten, statt sich von ihnen abzuwenden.
Herr, erbarme dich!

Jesus krümmt sich am Boden, völlig zusammengebrochen, den Kopf in den Staub gedrückt. Wie ein Wurm - nicht Gestalt und Schönheit sind an ihm. Bange schaut er aus nach einem, der helfen kann. - Aber da ist niemand, der helfen will - nicht einer!

Und ehe der nächste Schlag ihn trifft, berührt er mich mit seiner Aussage: "Was du dem Geringsten meiner Brüder nicht getan, das hast du mir nicht getan."

Das ganze Elend der Menschen schaut mich an, wo Menschenwürde mit Füßen getreten wird, wo das Ungeborene kein Lebensrecht und das Schwache und Gefallene keine Chance mehr bekommt.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle, die nicht mehr weiterwissen, aufgeben wollen und deshalb das Ziel verfehlen können.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die von den Sünden anderer Menschen belastet sind, keinen Ausweg wissen und keine Hilfe erfahren.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die ihr Kreuz für die Erlösung der Menschen fruchtbar machen.
Herr, erbarme dich!

Der Weg ist zu Ende, das ist der Gipfel. Jesus steht mit dem Rücken zu uns, aber seine Augen suchen noch, seine Hand gibt noch ein Zeichen.

Will er uns mitnehmen? "Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst und folge mir." Jesus erlebt die tiefste Erniedrigung. Mit gieriegen Augen und raffenden Händen stürzen sich zwei Schergen auf ihn und nehmen ihm den Schutz, sein Kleid. Nackt und bloß wird er gleich dastehen.

Jesus steht am Ende ohne Ansehen, geschlagen und nackt. Wir suchen immer mehr Macht, Ansehen, Ehre und Reichtum. Am Ende müssen auch wir es gelernt haben: Alles zurücklassen, uns selbst entäußern.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle, die von Menschen erniedrigt, unmenschlich behandelt, geschlagen und gefoltert werden.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die gedankenlos leben und andere übersehen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die andere Menschen die Ehre rauben, aber selbst menschlich behandelt werden wollen.
Herr, erbarme dich!

Was ist der Mensch? Jesus wird zu einem Fragezeichen, sein Körper ist zusammengesunken, kraftlos ist er seinen Peinigern ausgeliefert. Aus dem Mund kommt sein vorletztes, die klagende Frage: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Brutale Skrupellosikeit macht Nägel mit Köpfen, und jedes Mittel ist recht. Mit dem Stein in der als Hammer, wo wird er festgenagelt, so wird er fertiggemacht.

Festgenagelt, gefesselt in immer neuen Ketten, - so leben Menschen im Gefängnis, in Krankheit, Verrat und Folter. - Sie können nichts tun, sie können nur noch aushalten und hoffentlich das letzte Wort finden: "Vater, vergib!"

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die an das Kreuz genagelt sind und nur noch dulden und aushalten können..
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die andere annageln und ihnen Leid und Schmerz zufügen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die in schwierigsten Stunden sich gehorsam in den Willen Gottes geben.
Herr, erbarme dich!

Jesus sprach: „Es ist vollbracht",dann neigte er sein Haupt und starb. Ruhe ist wieder zurückgekehrt in unser Bild, aller Widerstand aufgegeben.

Der Gekreuzigte, mit erhobenen Händen, wie ein Soldat, der sich ergeben hat, spricht: „Es ist vollbracht!" Klingt nicht ganz leise doch schon österliche Siegesfreude in diesem Satz: „Es ist vollbracht." Nicht nur vom Ende seines Leidens spricht Jesus, sondern auch von dem Weg zum Leben, den er freigemacht hat. Die ihm ganz nahe stehen, Maria und der Jünger, scheinen es zu spüren, sie schauen auf zu ihm, und der Hauptmann ahnt es: „Dies ist Gottes Sohn."

Sein Tod ist Heimgang zum Vater. Jesus gibt sein Leben zurück, - er stirbt selbst. Sterben ist die letzte und persönlichste Tat eines Menschen.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle, die den Gedanken an den Tod aus ihrem Denken und Leben verbannt haben..
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die in ihrer Todesstunde vor der Gerechtigkeit Gottes erschauern und sich doch in seine Liebe flüchten.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die mit Jesus Christus leben und sterben wollen.
Herr, erbarme dich!

Einer trage des anderen Leid! - In diesem Bild ist viel Bewegung. Ganz behutsam, wie etwas Kostbares, legt der Jünger den toten Leib in den Schoß der Mutter zurück. Der Jünger und die Mutter haben sich in dem tiefen Schmerz um den toten Sohn und Freund gefunden. Einer trage des anderen Last.

Es ist keine lähmende Totenklage. Kein wildes Aufbäumen gegen das unverständliche „Warum?", das jede Mutter überfällt, die ihre Lebenshoffnung - den 33jährigen Sohn - tot im Arm hält. Den Geliebten still und tief im Gedächtnis aufnehmen, um sich seiner zu erinnern, wenn die Zeit es zuläßt, bis die Liebe Gottes wieder Vertrauen und Hoffnung werden lässt.

Und sie legten ihn in ein Grab, in dem er bis zu seiner wunderbaren Auferstehung ruhte.

Lasset uns beten:
Wir beten für alle Menschen, die die Torheit des Kreuzes als Weisheit erkennen und anbeten.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die dem Tod aus dem Weg gehen und den Gedanken daran verdrängen.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die sich für ihre Sterbestunde in den Schutz Mariens geben.
Herr, erbarme dich!

Eine Nische in der Mauer, etwas abseits, da legten sie den Leichnam Jesu in sein Grab, in dem er bis zu seiner Auferstehung ruhte. - Blumen blühen davor, wie auf jedem Friedhof. - Immer wieder müssen Menschen ihre Hoffnung begraben, treibt das Leide sie an den Rand der Verzweiflung.

Menschen, die sich nicht trösten lassen können, trifft vielleicht ein Psalmwort: "Du wirst meine Seele nicht im Totenreich lassen, mich nicht schauen lassen die Verwesung." - Am dritten Tage stand Jesus siegreich von den Toten auf, seitdem muss keine Hoffnung mehr sterben.

Auf dem Weg zur Kirche singt in unseren Herzen vielleicht schon das Lied: "Jesus dir jauchzt alles zu, Herr über Leben und Tod bist Du. Gib, dass wir stets Deine Wege gehn, glorreich wie Du aus dem Grabe erstehn!"

Lasset uns beten:
Wir beten für alle, die keine Hoffnung auf das ewige Leben kennen und für die der Tod Ende und Hoffnungslosigkeit bedeutet.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die sich der Verheißung Jesu anvertrauen und dem Unsichtbaren leben.
Herr, erbarme dich!
Wir beten für alle, die sich auf die Vollendung in Jesus Christus, auf den neuen Himmel und die neue Erde, freuen.
Herr, erbarme dich!